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Auf Steiners Spuren in Weimar

Zum 250. Geburtstag Goethes rückt Weimar als europäisches Kulturzentrum in den Blick. Auch für Rudolf Steiner war Weimar eine wichtige Lebensstation.
Noch sind nicht alle Baugerüste verschwunden. Das ehrwürdige Schloß wirkt wie von Christo verpackt, aus vielen Gassen dröhnt noch der Preßlufthammer. Die Kulturstadt Europas 1999 legt ihre Festgarderobe an. Auch im Park an der Ilm wird noch gebaut. Hinter blauer Folie versteckt entsteht hier - in Sichtweite der Originals - eine Kopie von Goethes Gartenhaus im Maßstab eins zu eins. Ein Anlaß für innerseelische Beobachtungen, ob man im Nachbau das Fehlen der "Atmosphäre" des historischen Gartenhauses wird spüren können? Oder ist diese Aktion doch eher ein Ausdruck ratlos erschöpfter Kreativität im Zeitalter der Postmoderne? - Nicht rechtzeitig fertiggestellt werden konnte die neue Dauerausstellung zu Goethes Werk im Nationalmuseum. Hinter den Erdgeschoßfenstern im Haus am Frauenplan herrscht noch eifriges Treiben. Gravierender als die Terminsäumnis sind hier aber wohl die leidigen Ost-West-Scharmützel, die um die Kompetenzen der neuhergerichteten Räume ausgetragen werden. Solcherlei Lärm auf kulturpolitischem Feld wird der nun beginnende Rummel eines überbordenden Festivalprogramms bald vergessen machen.
Bei aller Vielseitigkeit der Veranstaltungen aus allen Kunstsparten ist in der "Kulturstadt Europas" über den esoterischen Goethe und seinen wichtigsten Erforscher nur wenig zu finden. Dabei spielt Weimar auch im Lebensgang dessen, der Goethe als Initiator einer ganzheitlich orientierten Naturwissenschaft entdeckte, eine zentrale Rolle. Fast sieben Jahre verbinden Rudolf Steiner als Mitarbeiter im Goethe-Schiller-Archiv mit der Stadt an der Ilm. Hier sichtete und kommentierte Steiner den Naturforscher Goethe, hier kam er in persönlichen Kontakt mit der Intelligenz des ausgehenden 19. Jahrhunderts, unter anderem mit Haeckel und Nietzsche, aber auch mit vielen anderen, heute vergessenen Gelehrten und Künstlern. Wenn Steiner im Rückblick seine Ankunftszeit in Weimar als "eine Festzeit meines Lebens" bezeichnet, dann glaubt man noch heute etwas von dem Glück einer geistigen Kontinuität zu spüren, das der Begründer der Anthroposophie in dieser Hochburg des Geistes erlebt haben muß. In Weimar begegnete Steiner auch seiner ersten Frau Anna, mit der er im Haus an der Prellerstraße lebte. Heute beherbergt es das Hotel "ALT WEIMAR". Eine Tafel neben dem Eingang und Photos im Gastraum erinnern an den Begründer der Anthroposophie. In diesem Haus schrieb Steiner auch seine Philosophie der Freiheit, in der er zeigen wollte, wie der Mensch im Denken mit einem kosmischen Element verbunden ist. äußerlich im geselligen Leben Weimars aufgehend, blieb Steiner mit seinem Grundmotiv einer Entwicklung des Geistes aus dem Erleben des Denkens heraus doch völlig allein.

Jens Heisterkamp, Weimar als europäische Kulturstadt 1999 

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